Preis der Freiheit

Freiheit, ein bedeutungsschweres Wort das ich dieser Tage unter einem neuen Gesichtspunkt zu betrachten gelernt habe. Denn Nachts bei -5° Grad in einem Zelt bei Sturm und Regen hat man viel schlaflose Zeit sich Gedanken darüber zu machen was Freiheit bedeutet und wie verdammt noch mal die Menschen lange, lange Zeit vor meiner Geburt ohne Goretex und drei Lagen Llamafell-Socken überlebt haben. Im Gegenteil auf Fotos im Hostel und den Souveniershops in Puerto Natales sehe ich immer wieder Bilder der Ureinwohner dieser Region wie sie mehr oder weniger Nackt durch die Gegend hopsen, manchmal nicht mehr als ein bisschen weiße Farbe am Leib. Taffe Jungs und Mädels… aber zurück zur Freiheit.

Ich habe die Freiheit zu tun und zu lassen was ich will, wie mir grad der Sinn steht und worauf ich gerade Lust habe ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Also nehme ich mir die Freiheit, miete ein Zelt, ein Schlafsack und kaufe ein Busticket nach Torres del Paine um für geplante vier Tage durch den Naturpark zu wandern. Der Wetterbericht sagt: „Durchwachsen“, aber das kann so ziemlich alles bedeuten und so hoffe ich auf das Beste. Der Transport zum Eingang des Parks und zum Startpunkt der Tour ist eigentlich relativ einfach, im Hostel Bescheid geben das man zum Park will und je nach Wetterlage bei der Laguna Amarga oder dem Refugio Paine Grande starten. Die Wetterlage und der Park Ranger am Eingang empfehlen zweiteres. Am Startpunkt der Tour heißt es dann Gas geben, denn bis Sonnenuntergang will ich ca. 14km weiter nördlich sein und mir prasselt bereits der erste Eisregen ins Gesicht.

Die ersten Kilometer durch das Tal zum Glacier Grey ist wie eine Wanderung durch das Land Mordor in Mittelerde, durch einen Brand letztes Jahr ist ein Großteils des westlichen Parks zerstört worden. Die Farben sind überwiegend, grau, schwarz und braun, der Weg ist links und rechts gesäumt mit verkohlten Baumstümpfen und verbrannter Erde und es liegt ein rußiger Geruch in der Luft. Dieses Bild begleitet mich für die ersten fünf Kilometer, danach taucht zum ersten Mal der Lago Grey auf und es mischt sich etwas blau und weiß in die Farbpalette. Da ich ab diesem Zeitpunkt den „Wald“ verlasse und über einen Bergrücken wandere, zieht auch das Wetter an. Zu Eisregen gesellt sich nun auch Wind, mit Böhen die einen manchmal gut einen Meter zurückschieben. Es wird rauer, landschaftlich wie auch wettertechnisch und ich fühle das Gewicht der Ausrüstung auf meinem Rücken. Kurz bevor ich am Zeltplatz ankomme, habe ich zum erstem Mal freie Sicht auf den Glacier Grey, der von Wolken oder Dunst umringt ist. Ich baue kuze Zeit später mein Lager für die Nacht auf und koche was zu essen. In Puncto Animation wird einem zu diesem Zeitpunkt wenig geboten, es beginnt zu schneien und zu stürmen, daher wickel ich mich in meinen Schlafsack ein und versuche zu schlafen. Diesen Versuch gebe ich nach acht Stunden auf, das Wetter, die Kälte und der Strum der Nachts tobt lassen mich nicht an Schlaf denken, stattdessen schleichen sich folgende (ungute) Gedanken in meinen Kopf:

„Ich bin auf 500~1000m Höhe bei ca. -5° Grad Celsius in einem chilenischen Schlafsack… wie wird das auf der Macchu Picchu Tour bei 4.200m, einem peruanischen Schlafsack und noch mehr Schnee und Kälte?!?!? Fuck, stornieren ist nicht, da muss ich wohl durch… wirken Schlaftabletten in dieser Höhe? Gibt es Wechselwirkungen zwischen Viagra (gegen Höhenkrankheit, hat mein Arzt gesagt) und Schlafmittel?!? Warum spüre ich meine Füße nicht mehr und warum hat dieses Scheiß Zelt eigentlich keine Fußbodenheizung, wenn es schon so schwer ist wie mein gesamtes Reisegepäck… und muss dieser Baum direkt neben meinem Ohr knirschen und sich so anhören als würde er jeden Moment auf mich drauf fallen oder kann der auch anders???“

Wie gesagt, die Nacht war lang und schlaflos! Die Strapazen werden am nächsten Morgen durch die Aussicht auf den Glacier Grey belohnt, der zwar aus der nähe betrachtet mehr blau als grau ist, aber ich bin zu müde um mir darüber nun auch noch Gedanken zu machen und beginne daher den Abstieg auf dem selben Weg bis zum Campingplatz in der Nähe meines Startpunktes. Die Nacht dort ist ebenfalls mit Sturm, Eisregen und Kälte geprägt, so das ich nun insgesamt ca. 48 Std. ohne Schlaf verbringe und ich daher beschließe meiner Gesundheit zuliebe – und da das Wetter in den beiden verbleibenden Tälern, Frances und Torres nicht besser werden soll – die Tour abzubrechen, da ich richtig durchgefroren und übermüdet bin und weitere Klettertouren über Stock und Stein mit Wind nicht ganz ungefährlich sind. Am nächsten Morgen lacht mir die Sonne ins Gesicht, ein kleiner Trost für die Strapazen der Nacht, aber trotzdem bleibe ich bei meinem Entschluß zurückzukehren, denn gegen Nacht soll das Wetter wieder schlechter werden. Der frühe Aufbruch am dritten Tag belohnt mich zwar mit in Morgensonne getauchte Berggipfel denoch werde ich ich wohl irgendwann an diesen Ort zurückkehren müssen um den ganzen Trek zu machen.

Für den Augenblick wird meine Freiheit durch die Gewalten der Natur etwas beschnitten, aber nach anfänglichem Frust kann ich mich doch recht schnell an diese Niederlage gewöhnen. Zu tun und zu lassen, was man will bedeutet nicht zwangsläufig das auch alles so funktioniert wie man es sich vorstellt. Den Preis dafür zahle ich mit einem heftigen Muskelkater und einer kleinen Erkältung, aber trotzdem war es ein Erlebnis, dass rückwirkend betrachtet seinen Charme hatte.

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