Haarspalterei

Es gibt Momente im Leben eines Langzeitreisenden, und nach nun fast zwei Monaten denke ich das ich bereits als einer gelte, da muss man über seinen Schatten springen, sich seinen tiefsten Ängsten stellen und all seinen Mut zusammenpacken um die bevorstehende Prüfung zu meistern. Viele würden vielleicht im Angesicht der bevorstehenden Aufgabe in Erfurcht erstarren, einige sogar zurückschrecken oder sich bepieseln, aber ich habe keine andere Wahl, ich muss dieses Wagnis eingehen: Ich gehe zum Frisör!

Bewaffnet mit all meinem Mut, der bei Weitem nicht ausreicht und daher mit einer Flasche Whiskey unterstützt wird, meinen Spanischkenntnissen eines Dreijährigen und einer vagen Wegbeschreibung stolper ich in den mir empfohlenen Frisörsalon. Mir zittern die Knie und ich fühle wie das Adrenalin durch meine Adern strömt. Die Dame hinter dem Schalter lächelt mich an, fragt was ich möchte, aber in meiner Panik ordne ich diese vermeintliche Freundlichkeit in die Kategorie „Ruhe vor dem Sturm“ ein. Ich fange an zu stottern oder vielleicht lalle ich ob des Whiskey auch ein wenig: „Oben etwas kürzer, Hinten und an den Seiten auch Bitte.“. Ich meine ein wölfisches Blitzen in ihren Augen zu sehen, als sie mich dem jungen Frisör vorstellt und mein Blutzuckerspiegel sackt im gleichen Moment rapide ab, mir wird schlecht. Fuck, ich bin in die Falle getappt! Ab hier gibt es keinen Weg zurück, zumindest keinen in dem ich noch im Besitz aller mir verbliebenen Haare bin. Es sind nicht mehr viele, trotzdem würde ich den Verlust zutiefst bedauern. Fieberhaft suche ich nach einem Ausweg aus diesem Dilema, doch: Zu spät! Ich werde sanft in den Stuhl gepresst und über mir wird der Mantel des Schweigens ausgebreitet. Sekunden werden zu Stunden, Minuten zu Tagen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit denke ich, dass ich schon mein ganzes Leben in diesem Stuhl verbracht habe, ich warte auf erlösende Worte des Erbarmens, doch der Frisör fragt mich nur, wie ich mir das Ganze denn vorstelle. In meinen Augen spiegelt sich nackte Angst wieder, ich stammel vor mich hin und trage meinen Wunsch erneut vor. Er grinst bescheiden und sagt: „Okay“, ordnet seine Instrumente, die in diesem Augenblick direkt aus der Hölle emporzusteigen scheinen, und wirft einen Rasenmäher oder eine Kettensäge an. Zu Tode erschrocken drehe ich mich um und bemerke, dass es sich um einen Haartrimmer ohne Aufsatz handelt mit dem er die Seite meines Kopfes maltretieren will. Schweiß rinnt mir den Nacken runter, mein Puls nimmt bedrohliche Werte an und mir entgleisen die Gesichtszüge, doch der junge Mann grinst weiter fröhlich und will seines Amtes walten. Als er dann anfängt die ersten Haare zu trimmen, halte ich die Spannung dieses Experiments nicht mehr aus und bitte verzweifelt er möge Gnade walten lassen und kurz stoppen, damit wir uns noch mal über die grundlegende Vorstellung meiner Frisur unterhalten können. Jaja an den Seiten kurz, oben nur etwas kürzer, hat er verstanden, der Schelm grinst weiter fröhlich. Nur ist seine Vorstellung von kurz, nicht kompatibel mit meiner. Ich bitte ihn die Schere zu nehmen und rette mich damit in die vage Hoffnung, dass es auch kurz wird, aber nicht kahl. Resigniert seufzt er und greift zur Schere, warum genau, weiß ich nicht, vielleicht wollte er mich schreien hören. Zu fragen traue ich mich aus Angst vor einem Rückfall zur Maschine auch nicht.

Ich gebe zu, ich habe die Virtuosität dieses jungen Künstlers völlig unterschätzt, denn die Art und Weise wie er mit Kamm und Schere gefühlt jedes einzelne Haar vermisst und dann liebevoll trimmt, machen mich auf Grund meines Panikanfalls dann doch sehr verlegen. Und so gehen Stunden ins Land, in denen er meine Haare anpeilt, abschätzt und dann gezielt schneidet, mit einer Technik die ich so noch nicht erlebt habe. Sie ähnelt ein wenig den ersten Tippversuchen einer alten Dame auf einer Schreibmaschine, aber ist, wie auch im Fall der alten Dame, irgendwie zielführend. Ich entspanne mich und wir fangen an ein wenig über alltägliches zu plaudern, während ich mehr und mehr Vertrauen in seine Kunstfertigkeit aufbaue. Es wird langsam dunkel draußen und auf dem Boden häuft sich ein kleiner Haufen meines dunkelblonden Haars und ich frage mich wie das sein kann, wo ich sie doch einzeln und im Zeitlupentempo auf den Boden rieseln sehe. Dummerweise bietet der Laden keine Rasuren an, denn in der Zeit die verstreicht, wird auch mein Mehr-Als-Drei-Tage-Bart um einiges länger.

Mit einem müden Gesicht und Ringen unter den Augen beendet dieser junge Gott der Schneidekunst sein Werk, sieht mich an und fragt ob alles gut ist. Ich wache aus meinem bräsigen Dämmerschlaf auf und begutachte sein Meisterwerk: Wow, ich bin begeistert von dem was ich sehe. Mit dem sicheren Gefühl doch noch zeitig ins Bett zu kommen will ich den Stuhl verlassen. „Äh, nix da!“, bedeutet mir der Haarstyleartist, wir müssen(!) noch die Haare waschen. Nun bin ich derjenige der resigniert seufzt und mir wird die Tragweite meiner Entscheidung gegen den Haartrimmer bewusst. Ich folge ihm zum Waschbecken, im Schlepptau mein Nickerchen, dass gerne dort weitermachen will, wo es aufgehört hat. Hähne krähen, der Morgen graut und die Sonne kletter am Horizont empor. Ich wache ruckartig auf und stelle noch leicht benommen fest, dass der Herr der Klinge seine Hände an einem Handtuch abtrocknet. Er sieht mich völlig übermüdet aber freundlich an, reicht mir einen Spiegel und fragt erneut, ob mir gefällt was ich sehe? Zufrieden nicke ich ihm zu, man hört wie seine Anspannung auf den Boden plumst. Ich bezahle, drücke ihm ein großzügiges Trinkgeld in die Hand und Umarme ihn zum Abschied, denn es scheint mir als würde er schon zur Familie gehören. Mit einem leichten Lächeln im Gesicht mache mich erneut auf dem Weg in die Welt, nun mit einer nicht mehr ganz so wilden Haarpracht.

7 comments on “HaarspaltereiAdd yours →

  1. haha. sehr gut. ich verstehe dich und freu mich, dass es geklappt hat. ;)))) mach dir nicht so viele sorgen. wenn es mal schief geht, wachsen die nach. auch bei dir. :**

    1. Die Worte aus dem Munde eines Profis beruhigen mich jetzt ungemein. Allerdings schwindet die Hoffnung, dass irgendwas nachwächst, von Tag zu Tag mehr 😀 Sollte das der Fall sein, wende ich mich vertrauensvoll an dich, du kannst dann bestimmt noch was retten 😉

    1. Sehr geehrte Homebase,

      auch mit drei Haaren kann man wild aussehen, manchmal etwas zu wild. Da ich hier auf Weltreise bin, und nicht etwa wegen des neusten Jack Wolfskin Werbevideos, muss ich ab und zu zur Normalität zurückkehren. Das mache ich nicht zwingend nur um des gepflegten Äußeren wegen, sondern eher aus Selbstschutz. Denn wenn die einheimische Bevölkerung mich mit dem Yeti verwechselt, könnte es sein, dass ich mit Fackeln und Heugabeln aus dem Ort getrieben werde. Ich hoffe mit dieser Antwort adäquat auf Ihre Frage reagiert zu haben.

      Hochachtungsvoll,

      Micha

      1. hmm…die höhenluft muss dir richtig gut tun… ein hochachtungsvoll hab ich ja noch nie bekommen ;p solltest öffters für nen jahr wegfliegen 😀

  2. Eine Rasur wäre jetzt aber auch nur konsequent gewesen 😉

    Wie immer sehr tolle Eindrücke und anschaulich beschrieben. Ich kenne ja nicht viele Reise-Blogs, aber der hier ist richtig gut 🙂

    1. Ja eine Rasur wäre konsequent gewesen und ich hätte dafür auch noch einen Tag geopfert… war allerdings nicht im Angebot des Ladens. Danke für das Lob ich freu mich immer wieder über so positives Feedback. Grüße nach Luxemburg.

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