Höha, Schnella und Weita

Der Wecker klingelt, es ist 5:30 Uhr. Das Zimmer ist in Dunkelheit gehüllt und allmählich kriecht die Kälte unter die Decke. Mein Körper will nicht aufstehen, zumal ich die Nacht nicht besonders gut geschlafen habe. Mühsam quäle ich mich aus dem Bett, ich fange an zu frösteln und ziehe mein Trekkingoutfit an. Auch nach drei Lagen Klamotten und zwei Tassen Kaffee fühle ich mich niedergeschlagen und ich friere. Es ist immer noch dunkel als ich zum Veranstalter tapse, dort erwartet mich ein weiterer Kaffee und ein Rucksack, voll mit meiner Ausrüstung. Jacke, Hose, Eispickel, Eiskrampen, Helm und so weiter, lauter Sachen die ich zum ersten Mal benutzen werde. Am Abend vorher, habe ich mich dazu entschlossen, den aktiven Vulkan Villarrica bei Pucón zu besteigen. Der Fahrer sammelt mich ein, als das erste Licht der Morgendämmerung zu sehen ist.

Eine dreiviertel Stunde später setzt der Fahrer mich am Base Camp ab, wir sind nun auf 1.400m Höhe und der Gipfel des Vulkans ist in dem fahlen Licht der Morgendämmerung zu sehen. Keine Wolken, kein Wind, ideale Bedingungen meint mein Guide. „Du hast Glück Junge, in dieser Jahreszeit ist solche gutes Wetter selten!“ Ja, sinniere ich ein wenig, in letzter Zeit hatte ich ein bisschen viel Glück mit dem Wetter. Es geht los, vor mir liegen 1400 Höhenmeter, davon 700 über einen Gletscher. Der Aufstieg ist Mühsam, der Boden besteht überwiegend aus Fels, Geröll oder losem Lavasand, in den man mit jedem Schritt bis zum Knöchel einsinkt. Nach einer Stunde erreichen wir den ersten Platz für eine kleine Pause zum frühstücken. Spätestens hier bin ich hellwach und das mit der Kälte hat sich auch erledigt, ich begreife, warum es Bergsport heißt. Die Sonne erkämpft sich ihren Weg ins Tal und das Licht wird mit einem Schlag grell. Man spürt, wie die Sonnenstrahlen die Haut kitzeln. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, bis ich zum ersten Mal Sonnencreme mit LSF 95+ (!!!) auftragen muss.

Es geht weiter berauf, die Landschaft wird rauer, weniger Lavasand, dafür mehr Fels und Geröll. Nach weiteren zwei Stunden erreichen wir den Rand des Gletscherfelds. Ab hier muss ich die Eiskrallen anlegen und mein Guide erklärt mir wie der Eispickel funktioniert. Als ich die ersten Schritte auf dem Gletscher mache, ist mein Puls jenseits der 200. Zum einen weil der Aufstieg wirklich anstrengend ist und zum anderen weil ich tierisch aufgeregt bin. Sollte ich auf dem Gletscher ausrutschen, kann es sein, dass ich erstmal eine ganze Weile talabwärts rutsche bevor ich mich selbst mit dem Eispickel stoppen kann. Und der Gletscher den wir gerade besteigen ist nicht gerade arm an Steigung. Ricardo, der Guide, sagt mir es liegen noch 700 Höhenmeter vor uns und wir müssen noch etwa 2 Stunden wandern.

45 Minuten später, ich bin mit meinen Kräften am Ende, jeder weitere Schritt ist pure Qual. Wir machen eine kleine Pause, dann geht es weiter. Mein Kopf ist frei von jeglichen Gedanken, die einzige Hirnaktivität die ich verzeichnen kann, sorgt für die Koordination meiner Füße. Links. Rechts. Links. Rechts. Links. Rechts. Ich stiere auf das Eisfeld unter meinen Füßen um die vom Guide vorgegebene Spur nicht zu verpassen. Ein letzter Stop, der Gipfel scheint immer noch unerreichbar. Ich will aufgeben, jede Faser meines Körpers schreit nach einem Ende, meine Beine wiegen ein vielfaches mehr als sonst und so langsam merke ich, dass es hier oben kalt ist. Ricardo zwingt mich weiterzugehen, wieder setzte ich einen Fuß vor den anderen, wieder beiße ich die Zähne zusammen, wieder kommt es mit unendlich lange vor bis wir eine erneute Pause machen. Ich blicke Ricardo an und er strahlt mich lachend an. Ich bin irritiert was in ihm vorgeht, zumal ich dachte, dass die Höhenkrankheit erst über 3500m wirklich zum tragen kommt. Er kommt auf mich zu schüttelt mir die Hand und sagt: „Herzlichen Glückwunsch, Miguel!“ Ich bin perplex, Geburtstag habe ich doch erst in einigen Monaten, und dann bemerke ich, dass wir auf dem Gipfel angekommen sind. Vor mir liegt der Krater des Vulkans, aus dem ein wenig Rauch aufsteigt und dessen schwefligen Geruch man sehr deutlich wahrnehmen kann.

2.840m über dem Meeresspiegel, die Aussicht ist phantastisch. Unter mir liegt der Gletscher der mir soviel Schmerzen zubereitet hat, aber das alles ist in diesem Moment wie weggeblasen. Ich lasse mich von der guten Laune des Guides anstecken und wir lachen und scherzen ein wenig. Um mich ein wenig für den beschwerlichen Aufstieg beim Vulkan zu rächen, pinkel ich in den Krater. Ich bilde mir ein, dass ich ein leises Zischen höre und mehr Rauch zu sehen ist.

Bergab geht es wesentlich schneller, zumal ich den Großteil des Gletschers auf einer Art Plastikpfanne als Schlittenersatz runter rutschen kann. Auf diesem Gerät schieße ich auf dem Eis das Tal hinunter und es kommt oft vor, dass ich erst im letzten Moment stoppen kann. Aber es ist ein riesiger Spaß und vergessen ist alle Qual die mich noch vor einer Stunde gepeinigt hat. Einen Tag später tun mir alle Muskeln weh, sogar jene bei denen ich mich frage, welche entscheidende Rolle sie bei der Aktion gespielt haben. Das mit den Beinen kann ich ja irgendwo verstehen. Aber das mein Arsch, teile meiner Unterarme und der Spann meiner Füße wehtun? Das braucht kein Mensch! Trotzdem würde ich den Aufstieg jederzeit wiederholen, denn der Ausblick über das Tal war einfach genial. Naja, jederzeit vielleicht nicht, so ein bis zwei Wochen Pause dazwischen dürfen es dann schon sein. Doch der nächste (höhere) Berg kann kommen, die Jukebox in meinem Kopf wirft als passenden Soundtrack Höha, Schnella, Weita vom Rödelheim Hartreim Projekt aus. Manchmal liebe ich diese Jukebox…

Um meinen Muskeln einen Tag Entspannung zu gönnen, fahre ich am nächsten Abend zu den heißen Quellen. Dort kann man wunderbar in einem warmen Pool liegen und den Himmel und die Berge im Mondlicht bestaunen. Es ist unglaublich ruhig im Tal und ich merke wie diese Ruhe mich einfängt und ich einfach nur schweigend im heißen Wasser liege und meine Gedanken schweifen lasse.

4 comments on “Höha, Schnella und WeitaAdd yours →

  1. i like 😉

    ich muss schon sagen der neid-faktor steigt von bericht zu bericht 😀
    und der „schlitten“ is ja mal der hammer *GGG*

    1. My dear homebase,

      thats the fucking only intention I ever had with this page 😉 It’s all about making you jealous 😛 No, honestly, I feel a little pity that you cannot share some of my experiences, this would have been awesome.

      Maybe you’re wondering why I reply in English? It’s because we don’t have a proper expression in German to say „fucking“ 😀

      Regards,

      Michael

  2. hat unser sportlicher protagonist eine schreibblockade? oder machts du ein gerade bei blockupy mit!
    liebe grüsse aus der sonnigen hometown.
    s+w

    1. Hey, nein mir geht es prima, nur im Augenblick bin ich auf der Osterinsel und dort ist das Internet nicht das schnellste. Ein Update gibt es also erst nächste Woche, wenn ich wieder auf dem Festland bin. Liebe Grüße. Micha

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