Let The Monkeys Out

Die Luft ist dünn, die Sonne grell. Ich bekomme ein Fully (voll gefedertes Mountainbike) in die Hand gedrückt. Mein Körper giert nach Adrenalin, meine Hände schwitzen in den Handschuhen, der Helm sitzt bombensicher auf dem Kopf. 4.700 m über NN, eine Straße die nur bergab führt. Der Anfang der Route liegt in felsigem Gebirge, karg und öde ist es hier oben. Das Ende auf 1.700 m ist im Dschungel, dort ist es feucht, heiß, stickig und grün. Temperaturdifferenz locker 30 Grad Celsius. Ihr Name: Death Road in der Nähe von La Paz. Vor mir liegen 68 km Schotterpiste, die an den schmalsten Stellen etwas mehr als 3 m breit ist und deren Steilwände hunderte Meter in die Tiefe führen. Als es die neue, asphaltierte Straße noch nicht gab, starben hier seit dem Bau der Straße im Jahre 1935 ca. 85.000 Menschen. Keine Chance für Fehler. Keine Zeit für Angst. Innehalten in Gedenken an die vielen Opfer.

Zum Start der Tour vergieße ich einen Schluck 96%igen Alkohol für Pachamama und einen trinke ich. Böses Zeug, Kinder bloß nicht nachmachen! Wenn das Gebräu nicht blind machen würde, dann hätte ich mehr getrunken. Nicht aus Angst, sondern um den letzten Rest Verstand zu betäuben und vollends auf Risiko die Piste hinabzubrettern. Mich giert es nach dem ultimativen Kick, dem Rausch und dem größtmöglichen Adrenalinstoß. Die Strecke ist per se prädestiniert dafür. Ob sie hält was sie verspricht?

Los geht’s, die ersten 26 km auf asphaltierter Piste, mit Verkehr und losem Schotter. Ich trete ordentlich in die Pedale, lege mich in die Kurven, lasse die Reifen Grip aufbauen. Top Speed liegt bei ca 45-50 km/h, Schuld daran ist ein fehlendes, drittes Zahnrad für einen größeren Gang auf dem vorderen Ritzel und ein kräftiger Wind von den Bergen. Um nicht zu viel Angriffsfläche zu bieten, mache ich mich klein. Aber keine Chance, mehr ist aus dem Hobel nicht rauszuholen, die Pedale sind zu diesem Zeitpunkt nur Makulatur. Die Kurven sind weit und lang, zudem sehr übersichtlich. Ich überhole Busse und LWks, dann eine Dampfwalze und ziehe knapp vor einem sich nähernden SUV wieder auf die rechte Seite und grinse in mich hinein. Neben einem Tunnel führt eine Schotterpiste entlang, ich sehe den Buckel vor mir und stauche die Feder ein um schön drüber zu fliegen. Das Bike ist träge, es reagiert komplett anders als mein Hardtail (nur vorne gefedert) und mäht kompromisslos über die Welle hinweg, das Vorderrad nur minimal in der Luft.

Kurz danach biegen wir auf die Death Road ein und bekommen eine Einweisung: „Bloß nicht den Schmetterlingen nachgucken!“ Ab diesem Moment ist klar, falsche Manöver können einen über die Klippen bugsieren. Vor mir liegt die Straße, sie lacht mir höhnisch ins Gesicht, fordert mich heraus. Christopher, unser Local Guide, fährt als erster los. Der Sack hat 24 Gänge und ein Hardtail, mit ihm mitzuhalten ist verdammt schwer, aber ich bleibe dran. Rechts rauscht die Felswand an mir vorbei, links klafft der Abgrund. Wie verdammt tief das ist, sehe ich bei jeder Kurve, in die ich hineinfahre. Mein Blick ist auf den Kurvenausgang gerichtet, ich lasse meinen Körper das Bike dirigieren. Mein Hinterreifen hat kein volles Profil, beim Abbremsen fängt es leicht an zu rutschen. Ich liebe es! Dieses störrische, unvorhersehbare Verhalten, das blitzschnelle Reaktionen erfordert. Nächste Kurve, sie ist enger, die Federn pressen mit aller Gewalt das Bike auf den Boden, halten es stabil in der Kurve, whoooohoooooo.

Eine Bodenwelle taucht auf, dieses Mal werde ich fliegen. Ich konzentriere mich auf den richtigen Moment, lege alles in diesen Sprung und schwebe auf den Steilhang zu. Bei der Landung reiße ich das Bike wieder um die Kurve. Oliver überholt mich kurz danach, er wirbelt einen Stein auf, so groß wie eine Pflaume. Er verpasst mein Gesicht um Haaresbreite. Wir jagen hintereinander her, schneiden Kurven, täuschen Überholmanöver an, ziehen abwechselnd aneinander vorbei. Wir sind im Rausch. Kurze Zeit später, durchfahre ich einen Wasserfall, der Boden ist matschig, schlüpfrig und naß, zudem liegt hier noch eine Kurve an. Das Bike windet sich, rutscht, schlittert ums Eck, ich habe größte Mühe die Kontrolle zu behalten, mein Puls hat Betriebstemperatur erreicht. Kurz bevor wir das Tal erreichen, durchquere ich noch einen Fluß. Da ich eine Jeans anhabe, hebe ich die Füße. Wäre doof, wenn meine Füße jetzt nass würden.

Geschafft, ich bin lebend unten angekommen, Marcos mein zweiter Tourguide drückt mir ein Bier in die Hand und fragt ob ich noch mit der Zip-Line fahren will? Ich überlege nicht lange, werfe das Bike in die Ecke und lege ein Harnisch mit Brustpanzer an. „Wo willst du sitzen?“, fragt mich der Fahrer und ich schiele aufs Dach des Jeeps. „Oben“, antworte ich und kletter rauf.

Mit fünf anderen Gefährten zuckeln wir die Death Road wieder hinauf. Meine Füße baumeln an der Seite des Jeeps und ich blicke direkt in den Abgrund. Mir wird leicht mulmig in der Magengegend. Vorher war mein Blick konzentriert nach vorne gerichtet, der Abhang nur im Unterbewusstsein. Jetzt blicke ich direkt hinein. Um mich davon zu erholen, lasse ich mich an der Zip-Line einklinken. Den blauen Harnisch mit Brustpanzer trage ich, da ich die erste Etappe im Superman-Mode absolviere. Luis, der sich hinter mich klinkt, übernimmt das Bremsen. Ich fliege ins Tal hinunter, der Wind zerrt an meinem Gesicht und das Surren des Drahtseils klingelt in meinen Ohren. Unter mir liegt der Abgrund, was weiß ich wie viele verdammte Meter, aber es sind einige. Ich quietsche wie ein kleines Kind vor Freude und bin etwas enttäuscht, als Luis den Flug abrupt stoppt. Ich tausche mein Superman-Kostüm mit jemand anderem und bekomme einen kleinen Harnisch ohne Brustpanzer. Die nächsten zwei Stationen rutsche ich alleine an der Zip-Line lang. Die bolivianische Bremse, ein Stück Gummi mit Seilzug, erfordert etwas Übung, beim ersten Mal schlage ich voll in die Federung des Seils ein. Beim zweiten Mal lege ich eine Punktlandung hin.

Genug Adrenalin für heute, ab zum Essen in der Pflegestation für Affen. Bei der kurzen Führung durch das Gehege krabbelt mir ein kleiner Affe am Bein entlang, krallt sich an meinem T-Shirt fest und stemmt sich hoch auf meine Schulter. Dort kichert er kurz und leckt mir erst mal gehörig am Ohr. Ich mag ihn, er ist mir spontan sympatisch. Die Death Road fahren wir übrigens im Bus wieder zurück die letzten Kilometer sogar im Dunkeln. Da ist es wieder, mein geliebtes Pochen in der Magengegend.

P.S.: Bilder sind teilweise von der Tour Cam.

4 comments on “Let The Monkeys OutAdd yours →

    1. Was soll ich darauf antworten, das im Ansatz meine Dankbarkeit ausdrückt. Danke, Danke, Danke, Danke! Freut mich das es dir gefällt.

      Btw. schreib doch mal was übers Geo-Cachen in deinem Blog 😉 Seit ihr eine Kletterausrüstung habt, muss das doch total genial sein, oder?

      1. Soooooooooo wundertoll. Übrigens, deine Postkarte kam heute an! (Datum: 12/05/12 :D)

        Und wir müssen mal planen – wollten dich ja irgendwann besuchen! Irgendwo! 😀

        Totaaaaaaaaaaaaal toll. 🙂

        1. Ja, Thilo hat mir auch schon damit gedroht 😀 dann erklärt ihr mir das mit dem Cachen und wir seilen uns den lieben, langen Tag irgendwo im Dschungel ab 😉

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