Mit wilden Wassern gewaschen

Turbulente Fluten, Kategorie III, eiskalt. Rauschendes Wasser in meinen Ohren, Gebrüll vom hinteren Teil des Bootes. „Aaaaadelanteeeee“ (Vorwärts), „Piiiisooooo“ (Ins Boot), „Derechaaa“ (Rechts) oder „Atraaaas“ (Rückwärts) schreit Ricardo nach vorne. Seine Stimme ist in dem Lärm der Strömung und durch meinen wattierten Helm kaum zu hören. Den habe ich auf, damit meine durchnässte Murmel bei Vollkontakt mit einem Felsen weiterhin dem Gezeter unseres Kommandanten lauschen kann. Ich konzentriere mich auf das Paddeln und unterdrücke meine leichte Links-Rechts-Schwäche, die auf Spanisch doppelt so stark ausgeprägt ist, so gut es geht. Was ich hier mache? Ernsthaft, das frage ich mich im Augenblick auch! Meine Beine befinden sich im inneren eines blauen Schlauchbootes, mein Arsch hängt eher außerhalb, der Kopf ist ab und an unter Wasser. Dazu habe ich mal wieder Equipment an, mit dem ich meine Attraktivität in der Frauenwelt ins Unermessliche steigere. Mit beiden Händen halte ich ein Ruder fest, mit dem ich etwas verloren im Wasser herumstochere.

Spontan habe ich mich dazu entschlossen, in Cusco raften zu gehen während ich auf den Startschuss meines Salkantay-Treks warte. Rafting, für alle die nicht wissen was das ist, ist eine Sportart bei der man sehr elegant gekleidet ist und versucht in einem wildem Fluss (in dem nicht mal mehr Tiere auf die Idee kommen schwimmen zu gehen) das Verhalten einer Quietsche-Ente in einem Hurrikane nachzuahmen. Kategorie III gibt die Stärke der Stromschnellen an, ich bin also im Augenblick auf „schwierig“ unterwegs und das gleich beim ersten Mal. Einfach ist ja auch irgendwie Kindergarten.

Dass sich ab und an mehr Wasser innerhalb des Boots als außerhalb befindet, bereitet mir wenig Kopfzerbrechen. Das ich seit 15 Minuten meine Fußzehen nicht mehr richtig spüre, schon mehr. Das Wasser ist eisig, der Neoprenanzug hilft nur mäßig und meine Flip-Flop-besohlten Füße können dem 5 Grad kalten Wasser nichts entgegensetzten. Innerlich freue ich mich auf jedes Bewegung verheißende Kommando, da es meine Blutzirkulation anregt und mir dadurch warm wird. Meine Schulter fängt nach einer Stunde an etwas zu schmerzen, da die Paddelei doch sehr ungewohnt ist und egal wie sehr man sich ins Zeug legt, so wirklich vom Fleck kommt man auch nicht dabei. Eine weitere Stunde muss ich noch in dieser Gummiwanne um mein Leben bangen, bevor ich mich in der Sauna des Base-Camps wieder aufwärmen kann. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich schon, wie ich mit Muskelkater und Lungenentzündung im Hostel vor mich hinsieche und verzweifelt versuche mit dem Daumennagel meinen Nachlass in den Bettpfosten zu ritzen.

Warum ich all diese Unanehmlichkeiten auf mich nehme? Weil es verdammt viel Spaß macht! Über mich ergießt sprudelnd die weiße Gischt des Wassers und ich grinse ihr entgegen, lache sie manchmal aus. Die Gewissheit, dass Strömung und Felsen einen ordentlich im Wasser umherwerfen, erzeugt dieses wohlige Kribbeln im Bauch. Mit meinen Teamkollegen im Gebrüll des Flusses und des Kapitäns das Boot ohne Verluste auf Kurs zu halten wird zur Lebensaufgabe. Das verzweifelte Ankämpfen gegen die Kraft des Wassers, das sich in einem Glücksgefühl entlädt, wenn man den schwierigen Abschnitt gemeistert hat ohne baden zu gehen. Sich bis zum Äußersten zu verausgaben und dabei zu erfahren, dass man auch dieses kleine Abenteuer überleben wird. Kategorie IV und V können kommen, ich habe Blut geleckt. Dummerweise brauche ich mehr Fusel für Pachamama, wenn ich das mit einem blauen Auge überstehen will.

Doch auch etwas anderes findet in mir statt, während ich auf diesem Fluss umhergeworfen werde. Die Erkenntnis, dass ich solche Extremsituationen brauche um noch eine Steigerung in meiner Gefühlswelt zu erleben, macht mich stutzig. Seit einer Weile stelle ich fest, dass ich meine Eindrücke nicht mehr in Superlativen klassifizieren kann und es zwischen bombastisch und absolutgigafantomaorgastisch keinen Unterschied mehr gibt. Einen Ort zu sehen, den die meisten vielleicht nur von National Geographic oder dem Erdkundebuch aus der Schule kennen, fasziniert mich ungemein. Aber auf der nach oben stark limitierten WOW-Skala gibt es irgendwann kaum noch Luft um den Moment ausreichend zu würdigen. Mich an der Natur zu messen, hilft mir diese Eindrücke zu verarbeiten. Aber ich mache mir ein wenig Sorgen, ob ich kommenden Orten einfach durch das reine Betrachten noch genügend Wertschätzung entgegenbringen kann. Oder muss jedem Erlebnis zwangsläufig eine körperliche Qual vorausgehen, um Kopf und Herz noch miteinander ins Gespräch zu bringen? Salkantay wird es zeigen.

4 comments on “Mit wilden Wassern gewaschenAdd yours →

  1. Hallo Michael, bei deinen Erlebnissen, hast du die Latte für die Normalität natürlich sehr hoch gelegt. Ganz sicher wirst du ja noch eine geraume Zeit, ähnliche „high end“ Erlebnisse haben. Ich finde es schön, wie du deine Abenteuer und Erfahrungen beschreibst. Das zeigt, dass du den Blick für Details nicht verloren hast. Deine Berichte sind inhaltlich und schriftstellerisch, wie ich finde bemerkenswertgeschrieben. Solltest du irgendwann später deine Erfahrungen mal zusammenfassen, melde ich mich heute schon für ein Exemplar an. Alles Gute, weiterhin viel Glück, gepflegte und überschaubare Abenteuer und Gesundheit, wünschen wir Dir.
    Wir freuen uns auf deine Berichte. Wolfgang und Ulla

    1. Hallo Wolfgang,

      vielen Dank! Den Vorschlag ein Buch zu schreiben habe ich jetzt öfters gehört. Vielleicht wird es neben meinem Restaurant und der Tauchbasis auf den Fidschis ein weiteres Standbein um den Lebensunterhalt und die Rente zu sichern. Ich behalte die Idee im Kopf 😀

      Jedoch, zwischen den Berichten gibt es auch im Reise-Alltag viel Normalität. Natürlich entspricht mein Leben die Tage
      nicht dem Durchschnitt und ich veröffentliche auch nur einen kleinen Teil von dem was im Augenblick so passiert. Aber die Organisation des Alltags nimmt einen enormen Anteil in Anspruch. Wo schlafe ich diese Nacht? Wo will ich als nächstes hin? Und wie komme ich dort hin? Was esse ich? Wer bietet was, wo zu welchem Preis? Wer wäscht meine Wäsche und wenn ja, Warum? All diese Kleinigkeiten die man in einem zwei- bis dreiwöchigen Urlaub meist vernachlässigen kann, bilden bei mir meistens die tägliche Routine. Das nur als kleiner Hinweis am Rande, vielleicht veröffentliche ich auch mal einen Artikel darüber, was der Alltag eigentlich so mit sich bringt, aber im Moment habe ich noch genügend „High-End“ über das ich schreiben kann.

      Liebe Grüße aus Cusco – Peru, auch an deine Frau

      Michael (in Südamerika auch bekannt als Miguel 🙂 )

  2. Hi Michael, auch ich möchte schon ein Exemplar deiner Abenteuer sowie der Dailyjobs reservieren. Weiterhin dir noch viel Spaß, Action und Abenteuer und uns allen weiterhin interessante lebendige Berichte.
    Liebe Grüsse
    Elke

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