Warnschuß

Wie schrieb Anna doch so treffend per SMS: „Böses Ecuador!“ Es passt irgendwie zu dem Gefühl, dass ich auf dem Festland permanent in der Magengegend habe. Ecuador und ich, wir beide werden keine Freunde mehr. Neben dem Eindruck nicht willkommen zu sein, verlässt mich auch das Gefühl nicht, dass ich für die meisten nichts anderes als Dollarscheine mit Beinen bin. Sie sind nicht mal so charmant wie die Peruaner, wenn sie dich über den Tisch ziehen wollen, sondern einfach nur Kack-Dreist. Am Busbahnhof in Quito, als ich schon im Bus in Richtung Kolumbien sitze, erhalte ich dafür die Bestätigung *). Ich werde beklaut! Jepp, statistisch gesehen war ich längst fällig.

Glücklicherweise hat ein Polizist in Zivil den Vorgang beobachtet und dank seiner Aufmerksamkeit wurde der Dieb noch am Busbahnhof gefasst. Zugegeben, im Moment des Diebstahls bin ich nachlässig, die Situation kurz vor Abfahrt ist hektisch und ich hatte in der Nacht zuvor nur wenig geschlafen und bin völlig übermüdet. Alle Zeichen auf grün für die perfekte Gelegenheit. Ein Typ, den ich als Mitarbeiter des Busunternehmens einschätze, prüft mein Ticket und zeigt mir meinen Sitzplatz. Er spricht auch mit anderen Fahrgästen, nichts wirklich auffälliges. Aus Sicherheitsgründen will er mein Rucksack im Gepäckfach verstauen. Im Nachhinein betrachtet, hätten hier alle Alarmglocken schrillen sollen, aber ich habe schlichtweg gepennt und das fast im wahrsten Sinne des Wortes. Liebe Leser, never ever, das (Hand-)Gepäck weggeben, das habe ich heute schmerzlich gelernt. Egal wer, wann, wo und wie müde. Niemals, Never, Nunca!

Ein anderer Mann, der sich später als Zivilpolizist entpuppt, kommt wenig später im Bus auf mich zu und fragt mich ob ich Sachen aus meinem Rucksack vermissen würde. Bei der Überprüfung stelle ich fest, alles Weg: Kamera, Notebook, Pass mit Kreditkarten im Bauchgurt, den ich ebenfalls nicht umgelegt hatte, da ich nicht daran gedacht hatte, dass er im Rucksack ist. In diesem Moment rutscht mir mein Herz irgendwo in den Bereich meiner Fußzehen, ich schnappe panisch meinen Backpack und renne dem Zivilbeamten hinterher. Eine Gruppe von Polizisten hat den Dieb bereits gestellt und in seinem Rucksack befinden sich alle meine Sachen. Zu meinem Glück hatte er keinen Komplizen oder die Möglichkeit mein Zeug zu verstecken. Ich bin selten in meinem Leben so erleichtert und wütend zur gleichen Zeit. Wütend auf die Dreistigkeit des Diebs und auch auf mich selbst, weil ich es eigentlich hätte besser wissen müssen. Da Deutsch noch immer eine Minderheitensprache ist, kann ich den Typ wenigstens schön beschimpfen ohne das er oder einer der Polizisten es versteht. Nicht ganz fair, aber es sind seine Spielregeln und danach geht es mir ein wenig besser.

Ich werde auf die Polizeiwache gebracht, dort verbringe ich einen Tag mit dem bestaunen der Effektivität der ecuadorianischen Justiz. Gefühlte 1000 Mal habe ich meinen Namen, Passnummer und den Vorgang geschildert. Eine unglaubliche Menge an Dokumenten, die ich nur zu einem Bruchteil verstehe, müssen gelesen, bestätigt und unterschrieben werden. Mehrfach muss ich erklären, dass ich als Tourist weder über eine dauerhafte lokale Anschrift noch über eine ecuadorianische Telefonnummer verfüge. Kurz denke ich über den Einbürgerungsprozess nach und wollte schon der Einfachheit halber im nächsten Claro-Shop eine Prepaid-Karte kaufen. Doch nach einer Ewigkeit lande ich im Gerichtssaal, wo dank meines mittlerweile offiziell anerkannten Status als Tourist ein Expressprozess abgehalten wird. Eigentlich war geplant, dass ich in vier Monaten noch mal vorstellig werde, aber ich konnte den Staatsanwalt im Vorfeld noch davon überzeugen, dass dies nur schwer mit meinen Reiseplänen zu vereinbaren wäre. Vor der Anhörung meines Falls im Gerichtssaal, verbrachte ich den Tag mit warten. Warten auf meine Anzeige, warten auf die Aussage des Beschuldigten, warten auf die Protokollierung der Polizisten, warten auf die Fotos der Beweise, warten auf den Staatsanwalt, warten auf den Richter, warten auf das Urteil. Den ganzen Tag begleiten mich die Beamten überall hin, kümmern sich wirklich rührend um mein Wohlergehen und beantworten mit Geduld und Spucke alle meine Fragen und geben mir wenn immer nötig meinen Pass, der eigentlich als Beweisstück A in der Liste der gestohlenen Sachen auftaucht. Wohlgemerkt, der ganze Spaß fand unter Ausschluss eines Übersetzers von der Botschaft statt, der wäre erst am nächsten Tag verfügbar gewesen, also in Spanisch.

Als ich im Gerichtssaal dem Richter meinen Fall schildern soll, schlottern mir vor Aufregung die Knie. Was sagt man hier? Senor? Euer Ehren? Exzellenz? Hoheit? Da der „Staatsanwalt“ und der „Verteidiger“ Senor Juez benutzen, schließe ich mich dem an, entschuldige mich vorab für mein mieses Spanisch und erkläre stockend meinen Fall. Die Gerichtsschreiberin ist so gnädig und korrigiert mein Kauderwelsch in Textform, eine Wort-für-Wort Protokollierung wäre sicher urkomisch gewesen. Im Verlauf der Vorbereitung für den Prozess stand ich irgendwann vor der Frage welches Strafmaß ich denn für angemessen halte. Die Polizisten am Busbahnhof erklärten mir, dass normalerweise ein bis drei Jahre für Diebstahl anstehen. Die (Pflicht-)Verteidigung erklärt mir, dass man sich auch gütlich einigen kann. Somit muss ich nun im laufe eines Vormittags aus dem Bauch heraus und in völliger Unkenntnis der Strafakte des Täters entscheiden. Ich frage die Polizisten ob er schon mal wegen anderer Delikte geschnappt wurde; Fehlanzeige. Als der Dieb und seine Frau heulend an meinem Bein zerren und um Gnade bitten, wird mir flau im Magen. Ist das alles nur Theater oder doch echt?

Einen akuten Verlust habe ich glücklicherweise nicht erlitten, lediglich um den verlorenen Tag war es mir ein wenig Schade. Die Erfahrung zum ersten Mal in meinem Leben vor Gericht zu stehen, in einer Sprache die ich nicht ausreichend beherrsche und in einem Land dessen Gesetze mir vage bekannt sind (in Anlehnung an die 10 Gebote) macht den Ärger mehr als wett. Ich will eigentlich nur eine Entschuldigung, mein Zeug zurück und weiter, also rechne ich kurz im Kopf meinen monetären Verlust hoch, der in etwa bei 25 Dollar liegt (Taxi, Hostel für eine weitere Nacht und Busticket) und denke mir das 50 Dollar Entschädigung angemessen sind. Ein Bier auf den Schock sollte der „Täter“ schon noch spendieren müssen. Die Verteidigung jubelt verhalten und der Staatsanwalt erklärt mir, dass er die Entscheidung eigentlich auch begrüßt. Doch ich verlasse das Gerichtsgebäude mit der Frage ob es nun gerecht war und was Gerechtigkeit ist?

Den Typ für ein bis drei Jahre in den Bau zu schicken, hätte nichts an seiner Situation geändert und mir erst recht keine Befriedigung, geschweige denn Gerechtigkeit, verschafft. Er ist Arbeitslos, hat mit seiner Frau drei Kinder im Alter von 6 Jahren bis 18 Monaten und seit einem Tag nix im Bauch. Zumindest ist es das was ich aus den Gesprächen vernehme. Im Gefängnis wäre er vielleicht noch krimineller geworden oder würde nach der Freilassung auch vor anderen Straftaten nicht zurückschrecken. Jetzt fehlt ihm ein Wochen- oder Monatslohn, er muss sich in wenigen Tagen noch mal vor Gericht einfinden und ich erkläre seiner Frau, dass sie doch bitte in Zukunft ein Auge auf ihn haben soll. Vielleicht beklaut er Morgen schon jemand anderes um seinen Verlust auszugleichen, dann würde ich meine Entscheidung sicherlich bitter bereuen. Doch ich glaube immer noch an das Gute im Menschen und das dieser Fall wirklich nur eine einmalige Gelegenheit für ihn war, die er genutzt hat und bei der er gleich erwischt wurde.

Vorsatz hin oder her, was ist in diesem Fall die angemessene Strafe? Den Staatsanwalt frage ich vor dem Prozess, ob es Sozialdienst gibt. 300 Stunden öffentliche Toiletten schrubben, wäre eine – aus meiner Sicht – gerechte Strafe gewesen. Aber es gibt in Ecuador kaum öffentliche Toiletten und nur Knast oder Kohle, also was tun? Wie sich richtig entscheiden? Habe ich Gerechtigkeit erfahren? Diese Fragen nehme ich mit auf meinen Weg nach Kolumbien.

Vielleicht ist dies nicht die richtige Geschichte für den locker-leichten Plauderton, doch da alles gut gegangen ist, sei es mir verziehen. Mehr Ernsthaftigkeit betrifft jedoch der Punkt wie mich die alle Parteien des Justizsystems in Ecuador behandelt haben. Denn die Beamten die ich hier getroffen habe (insgesamt mehr als 15!!!) haben sich meinen Respekt verdient. Während des gesamten Tages wurde ich (mit Blaulicht) im Polizeiauto umhergefahren, persönlich zu allen Stationen begleitet, auf Grund meiner sprachlichen Limitation mit einer Engelsgeduld zu meinem Fall befragt, freundlich darauf hingewiesen in Zukunft einige Maßnahmen zur persönlichen Sicherheit zu beachten, führe sogar Gespräche über Moral und Ethik (auf sehr einfachem Niveau) und bekomme eine kurze verbale Schulung in Sachen Tipps und Tricks der lokalen Gangster. Nach dem Prozess waren zwei der Polizisten die mich tagsüber bereut haben noch so nett mich in einem Hotel in der Nähe des Busbahnhofs abzusetzen, damit ich am nächsten Tag nicht quer durch die Stadt fahren muss. Ich hätte mich gerne mit einer Einladung zum Abendessen bei diesen Polizisten bedankt, aber der Kodex verbietet es Leistungen jedweder Art anzunehmen und das obwohl sie mir zuliebe auf ihr Mittagessen verzichtet haben. Ich war wirklich überrascht wie höflich und hilfsbereit sie mir unter die Arme gegriffen haben – und nicht nur diese beiden sondern alle mit denen ich Kontakt hatte.

*) Natürlich möchte ich nicht wegen diesem einzelnen Erlebnis, das ganze Land und alle Einwohner verurteilen. Im Gegenteil, es gab auch manch positive Erfahrung. Doch verglichen mit den anderen Ländern in denen ich bisher war, fühle ich mich hier am unwohlsten.

8 comments on “WarnschußAdd yours →

  1. was machst du denn jetzt schon wieder für sachen…ich weiß, dass du noch das buch „101 dinge die man in seinem leben erfahren soll…“ hast, das heißt aber nicht, dass du das auch alles an einem tag abarbeiten musst 😉

    1. Polizeiautofahren ist nicht gleich verhaftet werden… Den Punkt bekomm ich ums verrecken nicht abgehakt… Dafür gab es heute Drogenfund in kolumbianischem Chicken Bus als Highlight und Ende einer bis dahin 28 stündigen Busfahrt. Zum Glück nicht in meinem Gepäck.

  2. Bisher verlief die Reise doch ausnahmslos gut und die positiven Erfahrungen sind deutlich in der Überzahl. Und wenn man dann lesen kann, wie es sich nach dem Diebstahl entwickelt hat, muss man ja schon fast dankbar für dieses Negativerlebnis sein – es schärft die Aufmerksamkeit 😉

    Sowas gehört schliesslich auch zu der Weltreise und da wäre ich enttäuscht, wenn ich es nicht auch mit der gleichen Intensität geschildert werden würde. Alles sehr spannend !

    Was das Strafmaß angeht, würde ich aus der Distanz einfach mal sagen: da hat die Verhältnismäßigkeit gesiegt und Deine Entscheidung war auf jeden Fall richtig. Ich wünsche Dir weiterhin viel Spaß und bin sehr gespannt, was sich da noch alles so ergeben wird 🙂

      • Ja ich bin ein Glückspilz, hoffe das hält noch eine Weile an und zudem wurde ich auch mit soviel Talismanen (Talismännern?) ausgestattet, dass ich zwei Mal auf Weltreise gehen kann. Irgendeiner von denen muss gewirkt haben. Grüße aus Cartagena – Kolumbien.

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